Ohne „Energierevolution“ droht der Welt eine Energiekrise
„Das Weltenergiesystem befindet sich an einem Scheideweg.“ Mit dieser kurzen und prägnanten Stellungnahme beginnt der jetzt vorliegende „World Energy Outlook“ der Internationalen Energieagentur (IEA). Nobuo Tanaka, Geschäftsführer der IEA: „Wir müssen eine Energierevolution in Gang setzen.“
Die derzeitigen globalen Trends in der Energieversorgung und dem Verbrauch sind sowohl unter Umweltaspekten als auch wirtschaftlichen und sozialen Gesichtspunkten unhaltbar. Die These vertrat Nobuo Tanaka. Geschäftsführer der IEA, am 14. November in Tokio anlässlich der Vorstellung des jüngsten Weltenergieberichts. Eine Umkehr dieser Trends könne und müsse in Angriff genommen werden. Nach Meinung der Organisation hängt die Zukunft des menschlichen Wohlstands ganz entscheidend davon ab, wie die zwei zentralen Herausforderungen in der Energie bewältigt werden:
- Die Sicherung einer zuverlässigen und erschwinglichen Energieversorgung und - der Übergang zu einer effizienten und umweltfreundlichen Energieversorgung, die den Ausstoß von Treibstoffgasen drastisch senkt.
„Wir müssen eine Energierevolution in Gang setzen“, so Tanaka. Die IEA warnt in ihrem Weltenergiebericht, der jedes Jahr im November veröffentlicht und von 28 Industriestaaten getragen wird, dass die Geschwindigkeit, mit der sich die Ölproduktion in den bestehenden Feldern erschöpft, deutlich höher ist als ursprünglich angenommen.
Die Agentur ruft daher zu kontinuierlich hohen Investitionen in Exploration und Abbau fossiler Energieträger auf, fordert aber gleichzeitig, die Umstellung auf kohlendioxidfreie Brennstoffe voranzutreiben.
„Selbst wenn die Ölnachfrage in den nächsten 22 Jahren bis 2030 flach bleiben sollte, muss die Produktion um rund 45 Mio. Barrel pro Tag gesteigert werden. Das bedeutet das Vierfache der derzeitigen saudi-arabischen Kapazität“, heißt es in dem Bericht.
Sorge bereiten der IEA vor allem frische Investitionen. Die derzeitige schwere Finanzkrise und die Schwierigkeiten Kredite zu bekommen, könnten notwendige Investitionen in neue Ölfelder und alternative Energieformen stark behindern. „Wir hören fast jeden Tag von einem Projekt, das verschoben wird“, so Fatih Birol, Chefvolkswirt der IEA.
Aufgrund der weltweiten Konjunkturabkühlung hat die IEA auch ihre Prognose für die Nachfrage nach Rohöl gesenkt. Bereits in diesem Jahr sei der Bedarf so langsam gewachsen wie seit 20 Jahren nicht mehr.
Die jüngste Atempause bei den Ölpreisen und deren Fall auf rund 60 $ pro Barrel ziehe die Möglichkeit eines Rebounds nach sich.
Die IEA geht weiter davon aus, dass unter der Voraussetzung, dass es bei der derzeitigen Energie-, Industrie- und Klimapolitik bleibt, der weltweite Energieverbrauch bis 2030 um 45% gegenüber dem derzeitigen Bedarf ansteigen wird. Mehr als die Hälfte des zusätzlichen Bedarfs kommt dabei aus China und Indien. Das Erdöl wird dabei „selbst unter den optimistischsten Annahmen über die Entwicklung alternativer Technologien, seine Stellung als wichtigster Energieträger weltweit behaupten“, erläutert Tanaka.
Gleichzeitig gehört Kohle im Szenario der IEA nach wie vor zu den wichtigsten Energiequellen der Welt. Bis 2030 soll der Anteil der Kohle an der globalen Energienachfrage von 26 % in 2006 auf 29 % in 2030 steigen.
Der Anteil der Kernenergie dagegen wird im besagten Zeitraum fallen.
„In den vergangenen Jahren haben eine Vielzahl von Ländern ihr Interesse am Bau neuer Kernkraftwerke zum Ausdruck gebracht. Nur wenige Regierungen haben allerdings konkrete Schritte zum Bau neuer Reaktoren unternommen“, heißt es in dem Bericht.
Bis zum Stand Ende August führte China die Liste der Länder an, die Kernkraftwerke im Bau haben, gefolgt von Indien und Südkorea.
Internationale Energieagentur
Die Internationale Energieagentur (IEA, International Energy Agency) ist eine Kooperationsplattform im Bereich der Erforschung, Entwicklung, Markteinführung und Anwendung von Energietechnologien. Gegründet wurde sie 1973 von 16 Industrienationen zum gemeinsamen Vorgehen gegen die damalige Ölkrise. Ein Jahr später (1974) wurde die Internationale Energiebehörde als autonome Einheit der OECD mit Sitz in Paris eingerichtet. Die OECD ist eine permanent tagende Konferenz von 30 Industriestaaten.
Quelle: VDI Nachrichten 2008 Nr. 47
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